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21. April 2011

Made in München: Absolventen im Gespräch

Sie sind überall, denn es gibt schon mehr als 2000: die ehemaligen DJS-Schüler. Seit Jahrzehnten sind die Absolventen vom Altheimer Eck ein fester Bestandteil der deutschen Medien. In der Interview-Reihe „Made in München“ dürfen sie einmal aus der Rolle fallen und selbst Fragen beantworten.

„Als Journalist kannst Du überall sein – Du hast immer einen Grund dafür.“

Michalis Pantelouris sagt von sich, er sei ein Magazin-Mensch. Er schrieb für die „Max“, war Chefreporter bei der „FHM“ und Textchef bei „GQ“. 2007 entwickelte er das Öko-Lifestyle-Magazin „Ivy“, das die Krise nicht überlebte. Seit Anfang 2011 ist Pantelouris fest angestellt – wieder einmal. Dieses Mal bei Pulse Publishing in Hamburg. Pantelouris ist als Editorial Director zuständig für die Zeitschriften „Blonde“ und „Golf Punk“.

Bei der Arbeit: Michalis Pantelouris im Büro der Chesley Medienproduktion in Hamburg.

Sehr geehrter Herr Pantelouris, in den zurückliegenden Jahren haben sie zahlreiche Printtitel mitentwickelt. Welches Format haben Sie am liebsten zur Welt gebracht?

Das kann ich gar nicht sagen. Mir machen viele Sachen Spaß. Der Enthusiasmus beim Entwickeln neuer Projekte ist immer da. Da ist sehr viel Energie, wenn man ein gutes Team hat. Das Entwickeln der deutschen FHM war auf jeden Fall ein Hammer. Wir waren sehr frei, wir durften Dinge machen, die es vorher so nicht gab.

Zum Beispiel?

Wir haben unsere Leser beschimpft. Unvorstellbar.

Das haben Sie aber nicht an der DJS gelernt. Sie saßen in der 36K, was war ihre erste Station nach dem Altheimer Eck?

Nach der Journalistenschule war ich Polizeireporter beim Hamburger Abendblatt. Danach war ich Redakteur bei Max. Das war 1999, als jeder ins Netz wollte. Eine spannende Phase, wir haben irrsinnig viel mit dem Internet experimentiert. Wir haben damals schon Videos angeboten. Die hat aber kaum jemand angeschaut, weil man 30 Minuten warten musste, bis sie geladen waren.

Heute ist das Internet ungleich schneller. Ein Effekt ist, dass die Leute für Gedrucktes immer weniger ausgeben. Die Auflagen sinken, die Anzeigenkunden verlassen das Boot. Was tun?

Die meisten großen Verlage scheitern daran, Modelle zu entwickeln, um sich aus dieser Zange zu befreien. Sie experimentieren zu wenig. Das leisten vor allem die freien Journalisten, die dafür nicht belohnt werden. Trotzdem ist es super, jetzt Journalist zu sein. Heute kann doch jeder online machen was er will. Die ganzen Blogs: Wie Richard Gutjahr, der schnell nach Ägypten rüber ist, um von dort zu berichten. Der war näher dran als die Agenturen – das ist großartig. So etwas macht Nachrichten erlebbar.

Ist Online-Journalismus also das Rettungsboot?

Unter den Kollegen gibt es immer noch eine klare Front zwischen denen, die online ablehnen und denen die online umarmen. Ich kann nur sagen: online ist super. Kein Journalist muss sich im Web was vorschreiben lassen. Mit minimalem Einsatz kann jeder veröffentlichen. Vor allem kann man alles ungefiltert bringen. Wenn das Netz nicht die Erfüllung des Journalisten ist, weiß ich auch nicht was Journalismus sein soll. Es gibt so etwas wie den Minimal-Invasiven-Blogger, der wie die Fliege an der Wand ist. Mit einem iPhone fällst du auf dem Tahrir-Platz nicht auf. Ungefilterter konnte man die Wahrheit nie rüberbringen.

Aus welcher Ecke der Welt hören wir demnächst von Ihnen?

Ich fühle mich sehr wohl in Hamburg bei Pulse Publishing. Und ich bin sehr bürgerlich geworden, vor allem wegen meiner zwei Töchter. Die beiden sind drei und sieben Jahre alt. In der Vergangenheit mussten sie viel umziehen, weil ich viel unterwegs war. Ich hatte was nachzuholen, denn als Semi-Migrantenkind – mein Vater stammt aus Griechenland – habe ich in den Sommerferien immer nur ein und dasselbe griechische Dorf gesehen: Oxylithos auf der Insel Evia. Später habe ich meinen Beruf genutzt, um in der Welt herum zu kommen. Als Journalist kannst Du überall sein, Du hast immer einen Grund dafür.

Michalis' Live-Reportage stand wochenlang auf der NEON-Startseite.

Der Grund, der einen Reporter irgendwo hinzieht, ist letztlich immer eine Frage. Die Frage, die Michalis Pantelouris im August 2010 nach Athen führte, lautete: „Wie starb Susan Waade?“ Susan Waade, eine 26-jährige Deutsche, hatte sich in der Athener Wohnung ihres Ex-Freundes erhängt. Die örtliche Polizei sagte, es war Selbstmord, Susans Mutter sagte, es war Mord. In der Hoffnung auf Aufklärung der genauen Todesumstände wandte sie sich auch an Pantelouris. Der fuhr nach Griechenland, als Reporter – und als Detektiv. Für NEON.de schrieb er eine Live-Reportage. Damit hatte er eine neue Darstellungsform erfunden. Die Live-Reportage ist keine abgeschlossenen Geschichte, die zuvor komplett recherchiert wurde. Sie wird häppchenweise präsentiert: Jeden Tag veröffentlichte Pantelouris seine Recherche-Ergebnisse im Internet. Die Leserkommentare halfen ihm dabei, die Informationen zu interpretieren und sein weiteres Vorgehen zu planen. Zu einem eindeutigen Ergebnis kam Pantelouris nicht.

Wie beurteilen Sie das Projekt Live-Reportage heute?

Die Live-Reportage war ein spannendes Experiment, und ich glaube, im Moment kann man nicht genug Experimente im Journalismus machen. Ich wünschte, die großen Verlage würden ihre Möglichkeiten da besser ausnutzen und sie nicht einfach den freien Journalisten überlassen, die solche Möglichkeiten selten haben. Ich hatte sie ja auch nur, weil Timm Klotzek und Michael Ebert bei NEON sie mir gegeben haben – und weil alle bei NEON bereit waren, die Kritik auszuhalten, die das nach sich zieht.

Haben die Erfahrungen und das Feedback Ihr journalistisches Vorgehen verändert?

Die kurze Antwort ist: ja, komplett. Die lange Antwort ist: Journalismus sollte immer relevante Fakten vorurteilsfrei so präsentieren, dass sie auch konsumierbar sind – kurzweilig statt langweilig, konzentriert statt ausufernd. Das setzt voraus, dass Journalisten einerseits dem Leser oder Zuschauer ermöglichen, sich ein Bild zu machen und zu eigenen Schlüssen zu kommen, andererseits ist aber kein Journalist objektiv. Heute haben wir als erste Journalistengeneration die Möglichkeit, wirklich beides gleichzeitig zu tun: Wir können alle Fakten vorurteilsfrei als Originaldokumente präsentieren und parallel dazu unsere Geschichte, die dramatische Essenz der Fakten, präsentieren. Das macht uns freier, weil es uns überprüfbar macht. Wir müssen nicht mehr Objektivität vorgaukeln, die es nicht geben kann, wenn wir deutlich machen, was unsere Bewertungskriterien sind.

Diejenigen, die die Recherche in Griechenland verfolgten, waren mehr als nur Leser – sie waren Co-Ermittler. Denn die Leser-Kommentare konnten Ihr weiteres Vorgehen beeinflussen. Wie war das Gefühl, als Reporter gelenkt zu werden?

Großartig. Wenn eine Frage oder Kritik kam, konnte ich sofort sehen, wo meine Geschichte Schwachstellen hatte und darauf reagieren. Dadurch werden die Geschichten besser. Das muss jeder begrüßen, der sich nicht für perfekt hält. Und wer sich für perfekt hält sollte eine Therapie machen, bevor er sich ins Berufsleben stürzt.

Nach dem Sie Griechenland wieder verlassen hatten, haben Sie gesagt, als Detektiv hätten Sie versagt. Das mag sein. Aber haben Sie als Journalist gewonnen?

Journalisten gewinnen immer, das ist das Schlimme an unserem Beruf. Wir berichten ja nur und fühlen uns ansonsten nicht verantwortlich. Für die Betroffenen hätte ich gerne viel mehr bewegt. Manchmal hasst man es auch, hauptberuflich immer nur Zuschauer und Rechthaber zu sein.

Eine Kamera gehört immer dazu. Manchmal auch auch Daunenjacke und Fernglas, wie hier vor Grönland.

Sie haben die Kritik Ihrer Leser immer sehr ernst genommen. Wie weit sollte ein Journalist gehen, um seine Leser zufrieden zu stellen? Und: Geht das überhaupt?

Grundsätzlich überlebt keine Industrie, die nicht auf ihre Kunden hört, und Kunden sind überall fordernder geworden, seitdem es diese großartigen Formen der direkten Kommunikation gibt. Für Journalisten bedeutet das: Wir arbeiten nicht nur für die Öffentlichkeit, sondern gefälligst auch in der Öffentlichkeit. Unser Beruf ist es, Geheimnisse zu verhindern. Wir glauben daran, dass Informationen frei verfügbar sein müssen. Wer glaubt, man könne Journalismus hinter Redaktionsmauern produzieren und nur auftauchen, um den geneigten Lesern seine Meisterwerke hinzuwerfen, dem wünsche ich viel Erfolg in einem anderen Beruf. Die Definition von jedem Beruf ist es, dass meine Arbeit jemand fremdem nutzt, deshalb werde ich dafür bezahlt. Aber natürlich kann und muss man es nicht jedem zu jeder Zeit recht machen. Man muss allerdings begründen können, warum man etwas wie tut – und man muss es auch öffentlich begründen. Nach meinen Erfahrungen in der Live-Reportage würde ich sagen, in Zukunft muss jeder Journalist etwa zehn Prozent seiner Zeit für die direkte Kommunikation mit Kunden aufwenden. Das wird in Zukunft Teil der Jobbeschreibung sein. Und das ist richtig so.

Sie sagen von sich, Sie seien ein Magazin-Mensch. Was bedeutete das?

Ich mag die Essenz des Magazins. In Wahrheit geht es dabei um eine einzige Sache: Identität. Jeder von uns steht morgens auf und sucht sich seinen Platz in der Welt. Das tut er auch mit den Medien, zu denen er greift. Ein Magazin verkauft sich nicht durch die einzelnen Artikel, die darin stehen. Es ist wie bei der Fernsehserie Dr. House. Da gucke ich auch nicht, worum es in einer Folge geht. Ich mache den Fernseher an, weil es mir ein bestimmtes Gefühl gibt.

Sie haben vor allem für Lifestyle-Magazine gearbeitet. Welche Relevanz haben diese Zeitschriften?

Eine große. Viele denken, harte Fakten aus der FAZ seien wichtiger als Lifestylenews. Es erscheint oberflächlich wichtiger, wie die Arbeitsbedingungen in China sind, als welches Handy ich mir kaufe. Dabei sind es doch die Lifestyleentscheidungen, mit denen ich Einfluss nehme. Brauche ich dauernd ein neues Handy, wenn ich weiß, dass darin ein Erz steckt, das im Kongo unter katastrophalen Bedingungen abgebaut wird? Wie oft muss ich um die halbe Welt fliegen? Woher kommt mein T-Shirt? Die Welt wirklich verändern kann ich am besten dadurch, wie ich mein Geld ausgebe. Durch Lifestyle-Entscheidungen. Trotzdem fühlt sich der Politikredakteur dem Lifestyle-Schreiber oft überlegen. Das ist falsch.

Vielen Dank für das Gespräch Herr Pantelouris.



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