Im Herzen Europas
Politik und Pommes: Die Kompaktklasse der DJS reist nach Brüssel
Edmund Stoiber redete. Er redete, als er am Flughafen von Brüssel wartete. Er redete beim Einchecken. Selbst im Flugzeug redete er noch – dann aber nicht mehr mit seinem Handy respektive dem Menschen am anderen Ende der Leitung. An Bord sprach der Bürokratie-Beauftragte der EU mit uns. Genauer gesagt: mit zwei Schülerinnen der DJS. Das Gespräch zum Nachhören findet sich auf unserem Podcast unter www.djs.podspot.de, alles Weitere zu unserer Brüssel-Reise hier. Von A wie Abflug bis Z wie Zurück, von E bis U, von NA bis TO. Die K der DJS vier Tage auf Tour!
Tag 1: Die Sonne kommt, der Winter geht, wir fliegen. Alle 15 Schüler und unsere Begleiterin Karin Below sind an Bord, als Lufthansa-Flug LH4604 abhebt – und gut eine Stunde später gleich wieder landet. Der Flughafen von Brüssel ist so groß nicht, aber dafür umso unübersichtlicher. Nach kreisartigen Spaziergängen über diverse Stockwerke erreichen wir das Gepäckband, von wo wir (uns) zum Bahnsteig trollen. Der Zug Richtung Innenstadt ist kein Transrapid, aber nach 30 Minuten hat auch er das Stadtzentrum erreicht. Wir beziehen unsere Doppelzimmer im zentrumsnahen Hotel Astrid. Dann erkunden wir den Stadtkern: nette Gassen, französisch anmutende Cafés, die von der Unesco zum Weltkulturerbe gekürte Grand-Place mit ihren barocken Fassaden. Brüssel gefällt, selbst im Schneeregen. Gegen 16 Uhr verlassen wir Downtown, passieren den Königspalast und erreichen gut eine Stunde später das EU-Viertel.
Der Informationsbesuch bei der EU-Vertretung des Freistaats Bayern steht an. Die Residenz der Bayern ist nicht zu verfehlen, das herrschaftliche Anwesen mit seinen Erkern und Türmen liegt zwischen EU-Parlament und Ministerrat. Spötter bezeichnen das für 29 Millionen Euro restaurierte Schlösschen als „Neuwahnstein“. Nicht-Spötter wie wir lauschen den Ausführungen von Heinz Koller. Er ist stellvertretender Leiter der Vertretung und berichtet von Aufgaben und Aktionen der bayerischen EU-Beamten. Wir diskutieren mit Herrn Koller über genormte Traktoren-Sitze, krumme Gemüsegurken und den Salzgehalt in Brezen, über Parteibuch bei Beamten („nicht erforderlich“) sowie über Besucherzahlen („12000 im Jahr“) und Veranstaltungen in der Vertretung („600 pro Jahr“). Wer es noch nicht wusste, erfährt es jetzt: Emilia Müller (CSU) ist als Europaministerin die Chefin des Hauses; die EU ist für bis zu 80 Prozent der deutschen Gesetze verantwortlich; und im Münchner Bierkeller im Untergeschoss der Vertretung treffen sich häufig EU-Politiker. Heute treffen wir dort bei bayerischer Brotzeit ehemalige DJSler, die uns aus ihrem Brüsseler Berufsalltag berichten. Es wird ein informativer, schöner Abend in lockerer Atmosphäre.
Tag 2: Die Europäische Kommission erwartet uns. Wir bewältigen die Sicherheitskontrollen zum Kommissionsgebäude, das in der Rue van Maerlant mit seiner modernen Architektur (Glas und Ziegel) heraussticht. Um 10 Uhr eröffnet Johannes Enzmann von der Generaldirektion Umwelt den Programmtag. Enzmann erklärt uns die Klimapolitik der EU und speziell den Ablasshandel mit CO2-Zertifkaten – das alles auf impulsive Art, aber dafür sehr verständlich. Danach marschieren wir zum Kommissionsgebäude Berlaymont und sind dort (nach erneuter Sicherheitskontrolle) Gäste bei der Pressekonferenz. Hauptthema im gut besetzten Riesenraum ist heute der Finanznotstand Griechenlands und Frau Merkels Haltung dazu. Die Pressekonferenz ist auf Englisch, per Kopfhörer und dank der Übersetzer in den kleinen Kabinen nebenan aber auch auf Französisch zu verfolgen. Besonders lehrreich? Die raffinierte Fragetechnik eines Journalisten. „Is chancellor Merkel wrong?“ Antwort des EU-Sprechers: „No.“ Darauf der Journalist: „Then she is not right, or?“ Im Hotel Crowne Plaza folgt ein mehrgängiges Mittagessen, bei dem Jens Mester von der Generaldirektion Kommunikation über aktuelle politische Themen referiert und über seine Zusammenarbeit der Medien spricht. Zurück im Kommissionsgebäude und nach einer Sicherheitskontrolle erfahren wir alles Wichtige zur EU-Erweiterung, anschaulich und praxisnah erklärt von Christiane Kirschbaum (Generaldirektion Erweiterung). Merke: Die Türkei ist weit entfernt vom EU-Beitritt. Theodoros Kallianos von der Generaldirektion Übersetzung bringt uns dann sehr lebendig den Lissabon-Vertrag näher. Den Abschluss macht Stefan Appel von der Generaldirektion Finanzen. Die Weltfinanzkrise ist sein Schwerpunkt; und die Sicherheitskontrollen, die die EU installiert hat. Am Abend erreicht unsere fußballerische Vertretung in Europa das Champions-League-Viertelfinale. Etwas unsicher und unkontrolliert übersteht der FC Bayern den AC Florenz. Dank eines Holländers. Das ist erlebtes Europa.
Tag 3: Den freien Vormittag nutzen wir, um Fotos für unser Klartext-Magazin zu knipsen und Geschichten zu recherchieren. Nebenbei erkunden einige von uns arabische Viertel, das Zentrum und wieder andere die Basilique Sacre Coeur, die viertgrößte Kirche der Welt, von der man einen 360-Grad-Blick auf Brüssel hat und somit auch auf das Wahrzeichen der Eine-Million-Einwohner-Stadt: das Atomium. Mittags bringt uns ein Bus vom Hotel zum Nato-Hauptquartier. Nach besonders scharfem Sicherheitscheck – selbst Handys werden konfisziert – dürfen wir eines der vielen Gebäude betreten. Der ganze Komplex entstammt den 60er Jahren. Neueren Datums sind die Probleme der Nato in Afghanistan. Mit Antje Knorr (offizieller Titel: Information Officer a.i., Germany, Nato Countries Section, Public Diplomacy Division) diskutieren wir über die Sicherheitslage am Hindukusch, Terrorismus, die Berechtigung des Verteidigungsbündnisses in der heutigen Zeit und über die Historie der Nato. Im Anschluss erzählt Philipp Wendel von seinen Afghanistan-Erlebnissen als Sprecher der deutschen Botschaft und über die Rückschläge und Fortschritte der Länder-Allianz. Zum Abschied erhalten wir noch einen Kalender und die Nato Review, ein Magazin zum 60-Jahr-Jubiläum des Militärbündnisses im vergangenen Jahr. Auf dem Magazin-Cover steht: „How to keep in shape at 60“. Dieser Frage gehen wir weiter auf dem Grund. Und zwar an …
Tag 4: … und im SHAPE-Quartier in Mons, gut eine Stunde Busfahrt von Brüssel entfernt. Wobei SHAPE jetzt weniger etwas mit dem Satz auf der Nato Review zu tun hat oder mit dem Fitnessmagazin für Frauen. SHAPE steht für „Supreme Headquarters Allied Powers Europe“. Zu deutsch: Oberstes Hauptquartier der Alliierten Streitkräfte in Europa. Chef von SHAPE ist immer ein Amerikaner. Wir bekommen es heute jedoch mit einem Rheinländer und einem Österreicher zu tun. Die Vorträge der Nato-Leute sind spannend. Warum? Sie referieren zu so relevanten Dingen wie den Bosnien-Einsatz, den Kosovo-Krieg und natürlich zu Afghanistan. Der Deutsche ist überzeugt vom Afghanistan-Einsatz. Der österreichische Sicherheitsexperte sieht die Lage anders und fordert von der Nato ein Umdenken: „Man darf nicht erst einmarschieren und dann überlegen, was mit dem Land passieren soll.“ Auch unsere Klasse ist sich nicht einig. Wenige befürworten den Einsatz, andere waren schon immer dagegen, manche begrüßten ihn einst und sehen ihn nun kritisch. Ähnliche kontrovers sind die Meinungen beim Thema Truppenabzug: bald raus, gleich raus, länger bleiben? Mit diesen Fragen belagern wir die ranghohen Soldaten bei einer mehrstündigen Diskussion. Nach Mittagessen und einer letzten Rundfahrt über das riesige Gelände werden wir zurück zum Hotel chauffiert. Von dort brechen wir ein letztes Mal auf zur Stadtbesichtigung, bei der wir die touristischen Attraktionen mit einem Testparcours durch die kulinarischen Spezialitäten Belgiens verbinden. Gestärkt von Pommes, Waffeln und Schokolade fahren wir um 19 Uhr zum Flughafen auf. Lufthansa-Flug LH 4613 nach München hat Verspätung. Aber wir haben Zeit. Und gegen 22 Uhr das Interview mit Edmund Stoiber. Punktlandung eben, nach vier („vier? Vier!“) erlebnisreichen Tagen in Brüssel.




