DJS Klartext Magazin

Ein Pott voller Energie

Journalistenschüler auf Pressereise im Ruhrgebiet

Der Blick vom Kraftwerksturm nach Duisburg.

Der Blick nach Duisburg: Schwerindustrie so weit das Auge reicht.

Ein Titel kann ewig währen. Für Essen gilt: Kulturhauptstadt ist heute, Deutscher Fußball-Meister war 1955. Werner Stenzel spielte damals in der zweiten Mannschaft von Rot-Weiss Essen. Heute ist er Busfahrer und transportiert die Klasse 48B der DJS. Sein Verein ist in den Niederungen, das Ruhrgebiet Europas Kulturhauptstadt und er Schalke-Fan. Trotzdem fährt er uns zu dem Gebäude am Essener Hauptbahnhof, auf dem dasselbe drauf steht wie auf den Trikots von Borussia Dortmund: Evonik. Ein erfundener Name, wie man uns später lehrt. Fußball ist wichtig, hier im Pott – Kultur aber auch. Deshalb führt unser Weg nach einem Mittagessen in der Firmenzentrale direkt ins Museum. Dessen Gebäude sind neu, der Name uralt: Folkwang ist altnordisch und bedeutet „Volkshalle“. Was hier ausgestellt wird, ist modern. Das Bild ist stimmig, Raum und Inhalt passen zueinander.

Fachgespräch: Dr. Lechtreck erläutert die Details der Architektur des neuen Folkwang-Museums.

Fachgespräch: Dr. Lechtreck erläutert die Details der Architektur des neuen Folkwang-Museums.

Offen ist die Bauweise, weiß die Wände, durch die transparenten Deckenelemente scheint der blaue Himmel. Männer mit Knopf im Ohr stehen an den Durchgängen, Türen gibt es keine. Über eine Stunde dauert die Führung durch den Neubau, der Altbau wird noch renoviert. Fotos sind ausgestellt, Plakate, Bilder und Installationen.Von der Volkshalle steigen wir auf fast bis in die Chefetage, in den 19. Stock, Evonik-Hochhaus.
Vier Gänge kommen und gehen. Thunfisch mit sehr jungem Spargel, Spanferkel mit getrüffelten Flageolets. Ungewohntes für einen Journalistenschülergaumen. Wir teilen uns die Tafel mit Barbara Müller, Alexandra Boy, Edda Schulze und Ruben Thiel, allesamt in Evoniks Presseabteilung angestellt. Die Gespräche drehen sich um das Verhältnis zwischen Wirtschaft und Journalismus, um Lithium-Ionen-Batterien und Bergarbeiterkultur.

Führung durchs Kohle-Kraftwerk Walsum. Mit dem Lift in den Kraftwerksturm.

Führung durchs Kohle-Kraftwerk Walsum. Mit dem Lift in den Kraftwerksturm.

Auch der zweite Tag beginnt mit und in Essen, das wir um Punkt neun Uhr gen Duisburg verlassen. Dort, in Duisburg-Walsum, steht ein für die Region scheinbar typisches Bauwerk. Ein Kraftwerk, dessen Kühlturm höher ist als der Dom im nahen Köln. In Walsum wird Steinkohle verbrannt, um Strom und Wärme zu erzeugen. Da die Zeche gegenüber vor zwei Jahren stillgelegt wurde, kommt die Kohle für den neuen Kraftwerksblock per Schiff, vor allem aus Südafrika und Kolumbien. Zwei Blöcke hat das Werk, jeder besteht aus einem Kessel, Turbinen und Generatoren. Strom – bis zu 410 Megawatt – produziert nur der eine, der andere ist eingemottet, Reserve 150 MW. Ein neuer mit 790 Megawatt Leistung und einem Wirkungsgrad von mehr als 45 Prozent wird noch in diesem Jahr ans Netz gehen. Kostenpunkt: Mehr als 800 Millionen Euro.

Berge gibt es im Ruhrgebiet kaum, deshalb kann der Blick von hohen Gebäuden aus umso weiter in die Ferne schweifen. Vom Kraftwerksdach sieht man Wald, den Rhein, wenige Wohnhäuser, Schornsteine, viel Rauch und Dampf. Zur Linken liegt das Kraftwerk Voerde, zur Rechten ein großes Stahlwerk. Um eine solche Landschaft zu beschreiben, setzt man das Wort Kultur- davor. Die Natur wurde von Menschen geformt, „kultiviert“.

Der Essener Konzern ist ein Riese. Rund16 Milliarden Euro betrug der Umsatz 2008. Erwirtschaftet in den Bereichen Chemie, Energie, und Immobilien. Einen der drei kann man in der Nähe von Recklinghausen besichtigen.

Dorthin steuert Werner Stenzel seinen Bus voller angehender Journalisten, dem stellvertretenden Leiter der DJS, Sven Szalewa und der Evonik-Pressesprecherin Edda Schulze. Die Straßen sind holprig, Semmeln heißen hier Brötchen und kosten in den Bäckereien am Wegesrand belegt 80 Cent. Der Chemiepark Marl liegt hinter einem 16 Kilometer langen Zaun. Eine eigene kleine Welt voller Röhren und Kamine, in der Rauch- und Fotografierverbot herrscht. 10.000 Menschen arbeiten hier – in den 1970er Jahren waren es noch 7.000 mehr. Es gibt eine eigene Feuerwehr, einige tausend Fahrräder, Fußballplätze, einen Badesee, nebenan liegt ein Naturschutzgebiet. Die Straßen haben keine Namen, sondern Nummern. Es gilt rechts vor links. 30 Unternehmen logieren innerhalb des Zauns. Creavis, eine Evonik-Tochter, ist eines davon. Wer hier arbeitet, soll die Zukunft voraussagen. Vor allem soll er sagen, mit welchen Innovationen der Mutterkonzern zukünftig Geld verdienen kann. Creavis ist dessen Erfinder-Abteilung. Die Forscher arbeiten an Dingen wie der flexiblen, pappdeckeldünnen Solarzelle. Oder an Materialien für kostengünstige LEDs, oder an aufdruckbaren Schaltkreisen. Im hauseigenen Bio-Labor blubbern Bakteriensuppen vor sich hin. Die Tierchen sollen einmal Plastik produzieren. Bakterien statt Öl. Das könnte sie sein, die postfossile Zukunft.